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Russischer Untergrund: Der gereifte "Pionier"


Trend Micro nimmt russischen Cyberuntergrund erneut unter die Lupe – mehr Wettbewerb, mehr Automatisierung, mehr Services
Cyberkriminelle, die gestohlene Kreditkarteninformationen oder Kontozugangsdaten zu Geld machen, heißen "Dropper"

(18.08.15) - Der russische Cyberuntergrund floriert weiter. Neue Dienstleistungen, ein höherer Automatisierungsgrad bei der Abwicklung krimineller Geschäfte und weiter sinkende Preise für standardisierbare "Produkte" kennzeichnen die Entwicklung des Online-Untergrunds in Russland in den vergangenen eineinhalb Jahren. Dieser cyberkriminelle "Markt" war der weltweit erste seiner Art und dient in anderen Teilen der Welt Cybergangstern als Blaupause. Diese Position ist unbestritten, wie das mittlerweile dritte Forschungspapier von Trend Micro zum russischen Cyberuntergrund mit dem Titel "Russian Underground 2.0" zeigt.

Die Sicherheitsexperten des japanischen IT-Sicherheitsanbieters beobachten den russischen Online-Untergrund systematisch seit 2004 und analysieren Preis- sowie Technologieentwicklungen. Außerdem werten sie Art und Inhalt der Kommunikation zwischen den Online-Gangstern aus. Darüber hinaus vergleichen sie die so gewonnenen Ergebnisse mit der Situation in anderen digitalen Untergrundökonomien, zum Beispiel in China oder Brasilien, und veröffentlichen ihre Erkenntnisse in marktspezifischen Forschungsberichten. Nun hat Trend Micro die mittlerweile dritte Studie zum russischen Cyberuntergrund vorgelegt.

Unternehmensberater würden sich freuen
"Wir lagen mit unserer Vermutung im letzten Jahr richtig: Der Preisverfall für standardisierbare Angebote wie zum Beispiel den Verkauf von Kreditkarteninformationen setzt sich fort und ist kein Krisenzeichen, im Gegenteil: Der Wettbewerb nimmt aufgrund eines steigenden Angebots zu und die Antwort gegen den dadurch drohenden Margenverfall heißt Produktivitätssteigerung durch Automatisierung sowie Diversifizierung und Arbeitsteilung – als ob sich die kriminellen Akteure Rat bei professionellen Unternehmensberatern geholt hätten", erläutert Sicherheitsexperte Udo Schneider, Pressesprecher beim japanischen IT-Sicherheitsanbieter Trend Micro.

Die Informationen, die Trend Micro zum russischen Cyberuntergrund sammelt, wurden bislang in 38 Kategorien eingeordnet, zum Beispiel Distributed-Denial-of-Service (DDoS)-Attacken oder Weiterverkauf von Internetverkehr. Im vergangenen Jahr sind vier neue Kategorien hinzugekommen: Infektionen über verseuchte Webseiten, die Infektion von Heimroutern, der Missbrauch von mobilem Internetverkehr und Hacktivismus. In letztere Kategorie fallen etwa die Aktivitäten der Gruppe Cyberberkut, die im Ukrainekonflikt für die Sache der Separatisten und Russlands Partei ergreift und für Online-Angriffe auf offizielle Webseiten von NATO-Mitgliedsländern wie Deutschland verantwortlich zeichnet.

Margensicherung: Neue Dienstleistungen, höhere Automatisierung
Gezielte Angriffe beginnen in der Regel mit E-Mail-Nachrichten, die auf die Interessen bestimmter Personen zugeschnitten sind. Glaubwürdig sind diese Nachrichten jedoch nur, wenn sie keine Grammatik- oder Wortschatzfehler enthalten. Aus diesem Grund finden sich im russischen kriminellen Untergrund immer mehr Anbieter professioneller Übersetzungsdienstleistungen.

Eine weitere neue Dienstleistung nennt sich "Drop-as-a-Service". Cyberkriminelle, die gestohlene Kreditkarteninformationen oder Kontozugangsdaten zu Geld machen, heißen "Dropper". War dieser Prozess in der Vergangenheit recht aufwendig, lässt sich die Dienstleistung mittlerweile ziemlich einfach einkaufen und abwickeln, auch hochvolumige Transaktionen mit Tausenden von gestohlenen Kreditkarteninformationen sind möglich. Denn es hat sich eine hierarchische Angebotsstruktur gebildet, in der so genannte Drop-Controller bis zu 10.000 Dropper steuern.

Die Qualität von Kreditkarteninformationen, was sie im Einzelfall wert sind, ob sie überhaupt echt und noch gültig sind etc. lässt sich heute mit Hilfe automatisierter Dienste prüfen. Denn das Angebot an Kreditkartendaten ist hoch, der Preis verfällt. Wer damit weiterhin Gewinn erzielen will, findet, bevor er die Dienste der Dropper in Anspruch nimmt, heute im russischen Untergrund eine Vielzahl solcher hoch automatisierten Services.

Sogar Treuhänderdienste, die für die "Seriosität" eines kriminellen Geschäftspartners bürgen, werden mittlerweile in automatisierter Form angeboten – eine essenzielle Dienstleistung, schließlich handeln die Akteure allesamt anonym. Wer innerhalb des Untergrunds einem Betrüger aufsitzt, sieht das eingesetzte Geld nie wieder.

"Freilich gibt es weiterhin hochpreisige ‚Produkte‘ im russischen Online-Untergrund", erklärt Udo Schneider. "Cyberkriminelle, die ihre Gewinne waschen wollen, können dies zum Beispiel über offizielle Firmenkonten US-amerikanischer, britischer oder deutscher Unternehmen tun. Eine solche ‚Dienstleistung‘ kostet dann freilich ab 50.000 Euro aufwärts. Der russische Cyber-Untergrund steht mittlerweile einer hoch entwickelten Wirtschaft hinsichtlich Arbeitsteilung, Automatisierungsgrad, Breite und Tiefe des Angebots und des freien Spiels von Angebot und Nachfrage in nichts nach. Aufgrund seiner weiter bestehenden Vorreiterfunktion für andere Untergrundmärkte könnte man ihn als ‚gereiften Pionier‘ bezeichnen." (Trend Micro: ra)

Trend Micro: Kontakt und Steckbrief

Der Informationsanbieter hat seinen Kontakt leider noch nicht freigeschaltet.


Meldungen: Hintergrund

  • Wann wird ein Exploit wirklich zur Gefahr

    Eine weitere Anfälligkeit im Formeleditor in Microsoft Office ist nichts Neues. Interessant ist dieses Mal allerdings die Aktivität des angebotenen Patches. Unabhängig von der Lösung des Problems rücken wieder einmal raubkopierte und alte MS-Office-Versionen ins Blickfeld der Cyberkriminellen. Der Formeleditor (Equation Editor) war sein ganzes Dasein über einer langen Reihe unterschiedlicher Exploits ausgesetzt. Er ist eine Komponente von Microsoft Office, und anstatt ihn noch ein weiteres Mal zu fixen, hat sich der Hersteller dazu entschlossen, einen Patch herauszugeben, der im Wesentlichen den Editor vom System vollständig deinstalliert. Es gibt einen bestimmten Reifepunkt im Lebenszyklus eines Office-Exploits, der dann erreicht ist, wenn den Cyberkriminellen Tools zur Nutzung der Schwachstelle in breitem Umfang zur Verfügung stehen. Zuvor trifft der Exploit nur wenige ausgewählte Opfer mit gezielten Angriffen. Ab dem Zeitpunkt jedoch, an dem er weit verbreitet ist, entsteht für eine breite Nutzergruppe eine Bedrohung. Die aktuelle Schwachstelle des Equation Editor erreichte diesen entscheidenden Reifegrad Ende Juni 2019 - genannt CVE-2018-0798.

  • Werkzeug für gezielte Überwachungsangriffe

    Sicherheitsexperten von Kaspersky Lab haben neue Versionen von ,FinSpy', einem komplexen, bösartigen Überwachungs-Tool mobiler Geräte, entdeckt. Die neuen Implantate funktionieren sowohl auf iOS- als auch auf Android-Devices, können die Aktivitäten auf fast allen gängigen - auch verschlüsselten - Messaging-Diensten überwachen und ihre Spuren dabei noch besser als bisher verschleiern. Die Angreifer sind dadurch in der Lage, alle Aktivitäten eines Geräts auszuspionieren und sensible Daten wie GPS-Standort, Nachrichten, Bilder, Anrufe und vieles mehr auszulesen. Bei FinSpy handelt es sich um ein äußerst effektives Software-Werkzeug für gezielte Überwachungsangriffe. Weltweit wurden bereits dementsprechende Informationsdiebstähle bei NGOs, Regierungen und Strafverfolgungsbehörden beobachtet. Die verantwortlichen Cyberkriminellen sind dabei in der Lage, das Verhalten jeder bösartigen FinSpy-Variante an eine bestimmte Zielperson oder eine Zielgruppe anzupassen.

  • Loader für Trojaner und Ransomware

    In der Welt der Malware spielen Loader, also Programme, die andere Software wie Trojaner oder Ransomware nachladen, eine immer wichtigere Rolle. Unternehmen brauchen in vielen Fällen sehr lange, bis eine derartige Schadsoftware entdeckt wird - häufig geschieht dies erst, wenn die Malware weitere Module nachlädt. Proofpoint hat nun seine neuesten Erkenntnisse zu den Aktivitäten eines der umtriebigsten Akteure in diesem Feld in einem Blog-Post veröffentlicht. Die Rede ist von der Hackergruppe TA505 (Threat Actor 505), die einen neuen Loader verbreitet, mit dem vor allem die Bankenbranche in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Südkorea, Singapur und den USA ins Visier genommen wird.

  • Sodin nutzt Windows-Schwachstelle aus

    Kaspersky-Forscher haben eine neue Verschlüsselungs-Ransomware namens ‚Sodin' entdeckt, die eine kürzlich entdeckte Zero-Day-Windows-Sicherheitslücke ausnutzt, um erhöhte Berechtigungen in einem infizierten System zu erlangen. Des Weiteren nutzt sie die Architektur der Central Processing Unit (CPU), um eine Erkennung zu vermeiden, und benötigt keine Nutzerinteraktion zur Infizierung. Ransomware, die Geräte oder Daten verschlüsselt oder sperrt und Lösegeld verlangt, ist eine ständige Cyberbedrohung für Privatanwender und Unternehmen. Die meisten Sicherheitslösungen erkennen bekannte Versionen und etablierte Angriffsmethoden. Die Sodin-Ransomware ist allerdings anspruchsvoller und nutzt eine kürzlich entdeckte Zero-Day-Sicherheitslücke in Windows (CVE-2018-8453) aus, um seine Rechte auf dem betroffenen System auszuweiten.

  • Blaupause eines Cyberangriffs

    Experten der Bitdefender-Labs ist es gelungen, den zeitlichen Verlauf eines Angriffs der Carbanak-Gruppe vollständig zu rekonstruieren. Opfer war eine osteuropäische Bank. Die Rekonstruktion aller Aktivitäten der Attacke liefert wertvolle Erkenntnisse für die Sicherung kritischer Infrastrukturen und zeigt die Bedeutung von Endpoint-Security-Maßnahmen auf. Während die Infiltrierung des Netzwerks bereits nach 90 Minuten abgeschlossen war, bewegten sich die Angreifer mit Hilfe der Cobalt Strike Malware weitere 63 Tage durch die gesamte Infrastruktur, um das System auszuspähen und weitere Informationen für den finalen Raubüberfall zu sammeln. Wäre die Attacke erfolgreich gewesen, hätten die Kriminellen unbemerkt über das Geldautomatennetzwerk verfügen können.